Im Gespräch: Florian Gramespacher über Kalk, Kreisläufe und konsequente Transparenz im Bausektor
Florian Gramespacher ist Geschäftsführer der Hessler Kalkwerke in vierter Generation. Seit vielen Jahren engagiert er sich für gesunde, kreislauffähige Baustoffe und setzt auf reine Kalkputze ohne synthetische Zusätze. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über die Kraft von Transparenz, die Chancen naturbasierter Materialien und die politischen Weichen, die es für eine nachhaltige Bauwende braucht. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.
Beschreiben Sie Ihren persönlichen Hintergrund bzw. Lebensweg – wie sind Sie in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist Ihre derzeitige Rolle bzw. Berufsbezeichnung?
Florian Gramespacher: Ich studierte Betriebswirtschaftslehre an der FH Südwestfalen und bin seit 13 Jahren in der Naturbaustoffbranche tätig. Seit fünf Jahren leite ich die Hessler Kalkwerke GmbH in vierter Generation. Das Unternehmen besteht bereits seit dem Jahr 1881. Da die Nachteile herkömmlicher Baustoffe bereits bekannt sind und es zunehmend Studien dazu gibt, wie sehr diese die Gesundheit von Menschen beeinträchtigen, die Umwelt belasten und Ressourcen viel zu leichtsinnig verschwendet werden, haben mich Kalkputze schon immer überzeugt. Wir konzentrieren uns insbesondere auf die Produktion und Vermarktung ökologischer Baustoffe mit Naturkalk als alleinigem Bindemittel. Auch erfüllt es mich mit Stolz, ein Unternehmen führen zu dürfen, welches auf eine über 140 Jahre währende Tradition und Firmengeschichte zurückblickt. Bereits seit der Kindheit stand für mich fest, dass ich diesen Weg gemeinsam mit meinem Bruder einschlagen möchte. Mein Ziel ist es, Bauen wieder transparenter und nachhaltiger zu gestalten. Kund:innen sollen befähigt werden, fundierte Entscheidungen zu treffen, ohne sich durch komplexe Normen und Vorschriften arbeiten zu müssen. Ich biete als Unternehmer nur Materialien an, die ich auch in meinem eigenen Zuhause verwenden würde.
Was ist das primäre Ziel Ihres Unternehmens und was unterscheidet es von anderen Herstellern in der Branche?
Florian Gramespacher: Das primäre Ziel ist es, Produkte herzustellen, welche Verbraucher:innen einen echten Mehrwert bieten – gegenteilig zu leeren Marketingversprechen, wie sie bei konventionellen Baustoffen häufig zu beobachten sind. Zielsetzung ist es, konventionelle Baustoffe abzulösen, welche dem nachhaltigen Bauen schaden und die Umwelt belasten. Moderne Baumaterialien können durch verschiedene gesundheitsbedenkliche Zusatzstoffe Schadstoffe ausdünsten, die Allergien und Krankheiten auslösen können.
Materialien wie z. B. Zement und synthetische Bindemittel hemmen den Wasserdampfdiffusionswert der Putze und verhindern somit, dass Wände »atmen« können. Darüber hinaus sind moderne Baustoffe oft problematisch hinsichtlich ihrer Entsorgung. Ziel ist es, Wohnräume wieder sinnvoll zu gestalten: Mit natürlichen Rohstoffen, frei von Chemie und für Bewohner:innen so verträglich und gesund wie möglich.
Gleichzeitig werden dadurch Ressourcen geschont und die Umwelt in deutlich geringerem Ausmaß belastet, als konventionelle Baustoffe dies tun. Somit kann der Weg zum zirkulären Bauen weitergegangen werden.
»Zielsetzung ist es, konventionelle Baustoffe abzulösen, welche dem nachhaltigen Bauen schaden und die Umwelt belasten.«
Florian Gramespacher
Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf Ihre eigene Arbeit oder den Bereich, in dem Sie direkt tätig sind?
Florian Gramespacher: Der ökologische Baustoffmarkt ist nach wie vor ein Nischenmarkt, der von innovativen, aber kleinen Unternehmen gestaltet wird. Diese Unternehmen sehen sich starker Einflussnahme auf die Zulassung und Regulierung sowie Lobbyismus durch Großkonzernen gegenübergestellt. Eine Unterstützung wäre z. B. die Subvention nachhaltiger Baustoffe bei öffentlichen Bauprojekten.
Generell haben Naturbaustoffe einen zunehmend guten Ruf, und Präsenz ist auf verschiedenen Ebenen sehr wichtig. Kleine oder mittelständische Unternehmen haben jedoch gar nicht die Möglichkeit in Verbänden, Schulen und Universitäten so vertreten zu sein, wie große Konzerne es sich leisten können. Daher geht z. B. in Berufsschulen noch viel »nach Lehrbuch« – also mit Fokus auf konventionelle Materialien.
»Der ökologische Baustoffmarkt ist nach wie vor ein Nischenmarkt, der von innovativen, aber kleinen Unternehmen gestaltet wird.«
Florian Gramespacher
Wie beurteilen Sie den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese Ihrer Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?
Florian Gramespacher: Im deutschen Markt steigt nach und nach das Bewusstsein der Verbraucher:innen für den Einsatz biobasierter Baustoffe. Schwierigkeiten bei der Zulassung verlangsamen jedoch den Prozess, die Produkte schneller und effektiver auf den Markt zu bringen. Bei bestehenden Regularien, beispielsweise für Wärmedämmverbundsysteme, wären Anpassungen nötig, um eine Nutzung natürlicher und damit nicht hydrophober Baustoffe überhaupt erst möglich zu machen.
Zudem werden Transportwege nicht in die CO2-Bilanz von Produkten hineingerechnet, wodurch einige Baustoffe als nachhaltiger verkauft werden als sie es tatsächlich sind, wenn bestimmte Inhaltsstoffe über sehr weite Distanzen zugekauft werden.
Wir als Unternehmen haben sehr gute Erfahrungen gemacht mit dem Level an Transparenz, mit dem wir unsere Produkte deklarieren: in unseren Volldeklarationen sind auch die Inhaltsstoffe zu finden, die aufgrund ihres geringen Mengenanteils gar nicht deklariert werden müssten. Transparenz ist auch bei Produktbezeichnungen wichtig: der Begriff Kalkputz ist leider nicht geschützt, nur der Begriff Kalk. Daher sind in vielen handelsüblichen, als »Kalkputz« benannten Produkte, Zement, Hydrophobierung oder andere synthetische Binder zu finden. Zement unterbindet die Kapillarität und Diffusionsoffenheit, wodurch die positiven Eigenschaften des Kalks verloren gehen, wie die Reinigung der Raumluft und der Abbau von Schadstoffen.
Wo sehen Sie Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?
Florian Gramespacher: Tatsächlich naturbasierte und reine Produkte lassen sich am Ende ihres Lebenszyklus wieder in den Ausgangsrohstoff zurückführen oder erreichen diesen Zustand durch natürliche Prozesse, z.B. Kalk durch Karbonatisierung.
Theoretisch wäre zudem eine Rückführung von rückgebautem Kalk in den Produktionsprozess möglich: das ganze Gefüge würde wieder gebrannt und anschließend gelöscht; somit der Kalkkreislauf erneut geschlossen. Praktisch geschieht dies allerdings noch nicht – selbst in der Lehmbranche, wo dies einfacher wäre als bei Putz, gibt es da ja noch keine wirklichen Rücknahmesysteme. Oftmals wird bei der Sanierung von Fachwerkhäusern der alte Lehm entsorgt und neuer verwendet, anstelle von Aufbereitung und Wiederverwendung. Zudem kann einem Rückbau entnommener Naturkalk, wenn man ihn auf etwa null bis fünf Millimeter Körnung zerkleinert, auf Wiesen und in Gärten als Düngekalk zum Einsatz kommen. Wenn es die Regularien zuließen, wäre dies sogar in der Landwirtschaft denkbar.
»Tatsächlich naturbasierte und reine Produkte lassen sich am Ende ihres Lebenszyklus wieder in den Ausgangsrohstoff zurückführen oder erreichen diesen Zustand durch natürliche Prozesse.«
Florian Gramespacher
Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen sehen Sie als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?
Florian Gramespacher: Wichtig ist die Schaffung von politischen Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige deutsche Industrie, zur Verhinderung der weiteren Abwanderung von Industrie und Wertschöpfung. In erster Linie muss man sich Nachhaltigkeit auch leisten können.
Eine weitere wichtige Strategie in der nachhaltigen Entwicklung ist der regionale Bezug von Rohstoffen. Wenn es mehrere Hersteller für ein gleichwertiges Produkt gibt, sollte man genau das Produkt beziehen, das am wenigsten Distanz zur Baustelle zurücklegen muss. Bei größeren Unternehmen können auch dezentrale Produktionsstandorte eine Rolle spielen. Zudem ist uns die Vernetzung innerhalb der Baubranche wichtig – daher teilen wir regelmäßig unser Wissen bei Fachveranstaltungen.
Call for action: Was ist Ihr Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?
Florian Gramespacher: Akteur:innen im Bauwesen sollten sich heute mehr denn je mit dem Thema natürlicher und kreislauffähiger Baustoffe beschäftigen, und sich nicht von leeren Marketingversprechen beeinflussen lassen. Mit dem Großteil, der als »nachhaltig«Ich biete als Unternehmer nur Materialien an, die ich auch in meinem eigenen Zuhause verwenden würde. vertriebenen Baustoffe schaffen wir uns den Sondermüll von morgen. Ich persönlich denke das QNG-Siegel, das aktuell leider ausgesetzt ist, war ein Schritt in die richtige Richtung: Man muss es sich leisten können, aber man bekommt einen vergünstigten Kredit wenn das Gebäude mit nachhaltigen Baustoffen gefertigt wird. Damit wurde sicherlich der ein oder die andere in die Richtung bewegt, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen und über den Tellerrand hinauszuschauen. Es ist wichtig, Anreize zu schaffen. Von den Planenden wünsche ich mir, dass sie bei der Vergabe nicht nur die Anschaffungs-, sondern auch Folgekosten berücksichtigen, die bei konventionellen Produkten ggf. durch Feuchte und Schimmel entstehen können. Sie sollten ihre Beratungsfunktion gezielt nutzen, um den Einsatz natürlicher Baustoffe zu fördern.
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