16.07.25

Im Gespräch: Rolf Buschmann über gesunde Materialien und mutige Strukturen

Rolf Buschmann ist Chemiker, Umweltexperte und Vorstandsvorsitzender von Verein natureplus. Seit drei Jahrzehnten engagiert er sich für gesundes, zirkuläres Bauen und die Transformation des Bausektors. Im Gespräch mit Nina Grunenberg spricht er über biobasierte Materialien, rechtliche Hürden und warum es nicht reicht, die Dämmplatte auszutauschen. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Rahmen der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.

Beschreiben Sie Ihren persönlichen Hintergrund/Lebensweg, wie Sie in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen sind und was Ihre derzeitige Rolle/Berufsbezeichnung ist?

Rolf Buschmann: Mein Weg zum ökologischen Bauen begann ursprünglich in der Chemie. Während meines Studiums fand ich über das Katalyse-Institut in Köln den Einstieg in Umweltfragen. Das Institut war eines der ersten Umweltlabore und befasste sich früh mit Themen wie Chemie in Lebensmitteln – etwas, das mich sofort faszinierte. Entgegen meiner ursprünglichen Vorstellung, im Umweltmanagement zu arbeiten, verschlug es mich bald ins ökologische Bauen. Zwischen 1994 und 2004 entwickelte ich mit einem Architekten gemeinsam Bauteilplanungen auf Basis ökologischer Baustoffe – eine spannende und prägende Zeit. Später wechselte ich zur Verbraucherzentrale, wo ich mich intensiv mit Innenraumschadstoffen, Produktsicherheit und – bewertung beschäftigte. 2013 führte mein Weg zum BUND, wo ich seither Themen wie Kreislaufwirtschaft, technischen Umweltschutz und Emissionsschutz betreue. Vor etwa sechs Jahren trat natureplus an mich heran – der BUND ist dort Mitglied. Kurz darauf wurde ich in den Vorstand berufen und wie das so ist: Man wird gleich zum Vorsitzenden gemacht. Nach über 30-jähriger Erfahrung im ökologischen Bauen höre ich Ende nächsten Jahres beim BUND auf und konzentriere mich nur noch auf natureplus – eine Art vorgezogener Ruhestand, indem ich mich weiterhin meinem Herzensthema widmen kann.

Was ist das primäre Ziel der Organisation natureplus?

Rolf Buschmann: Ich schätzte natureplus schon früh als eines der wenigen aussagekräftigen Labels im Baubereich. Besonders spannend fand ich später, nicht nur an der Weiterentwicklung des Labels mitzuwirken, sondern auch Verantwortung zu übernehmen. Anfangs war natureplus vor allem für das Label und die Informationsarbeit zuständig. Heute liegt die Zertifizierung ausgelagert bei der natureplus SCE, während der Verein sich zunehmend auf politische Arbeit für nachhaltiges Bauen konzentriert.

Seit etwa fünf Jahren agiert natureplus als eigenständige Lobbyorganisation und ist Mitglied im Deutschen Naturschutzring. Durch Fördermittel vom Umweltbundesamt finanzieren wir Formate wie die »Late Lunch Sessions« zu nachhaltigem Bauen und Masterclasses für Fachleute wie Bauingenieu:innen.  Ein weiteres wichtiges Thema ist die Kreislaufwirtschaft im Bausektor. Viele Materialien aus Rückbau könnten wiederverwendet werden, aber es fehlt an Strukturen, um diese Stoffe zu erfassen und zu analysieren. Sobald ein Material von der Baustelle kommt, gilt es als Abfall – was viele Hersteller abschreckt. Besonders bei rückgebautem Beton und Ziegeln gibt es noch keine klaren Standards und Genehmigungsprozesse.

Bei natureplus arbeiten wir derzeit daran, unsere Kriterien auch auf zirkuläre Produkte anzuwenden. Dabei stellen sich neue Fragen: Wie hoch darf der Schadstoffgehalt in einem Recyclingmaterial sein? Und wie vermeiden wir, dass unerwünschte Stoffe weiter im Kreislauf verbleiben? Unser Ziel bleibt es, Materialien zu kennzeichnen, die nicht nur ökologisch produziert, sondern auch sicher, langlebig und zukunftsfähig sind.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf Ihre eigene Arbeit oder den Bereich, in dem Sie direkt tätig sind?

Rolf Buschmann: Eine der größten Herausforderungen liegt in der Verbindung von Wohngesundheit, Kreislauffähigkeit und Klimaschutz im Bausektor. Zentrale Fragen betreffen die Emissionen von Baustoffen während der Nutzung und ihre Wiederverwendbarkeit am Lebensende. Besonders bei Neubauprodukten müssen wir klären, ob eine kaskadische Nutzung – also mehrfacher Einsatz oder vollständiges Recycling – möglich ist. 

Natureplus hat sich bislang stark auf nachwachsende Rohstoffe – Stroh, Zellulose, oder andere biogene Materialien konzentriert; doch mit dem wachsenden Interesse an Sekundärrohstoffen rückt nun auch recycelter Kunststoff oder Materialen wie Altreifen in den Fokus. Dabei stellt sich die Frage: Wie bewerten wir diese Materialien im Vergleich zu naturbasierten? Eine mögliche Lösung könnte sein, unser Bewertungssystem um die Kategorien »naturbasiert« und »recyclingbasiert« zu erweitern. 

Ein weiteres drängendes Thema ist der hohe Wohnflächenverbrauch in Deutschland. Neue Wohnkonzepte mit gemeinschaftlich genutzten Räumen – etwa Shared Offices oder Werkstätten – könnten Flächen effizienter nutzen und soziale Nähe fördern. Auch die Flexibilität von Gebäuden muss neu gedacht werden: Häuser sollten sich über die Lebenszeit hinweg an veränderte Bedürfnisse anpassen lassen. Es geht nicht nur darum, von der EPS-Platte zur Holzfaserplatte zu wechseln – sondern um ein systemisches Umdenken.

»Es geht nicht nur darum, von der EPS-Platte zur Holzfaserplatte zu wechseln –
sondern um ein systemisches Umdenken.«
Rolf Buschmann

Nicht zuletzt braucht es rechtliche Reformen. So sind zum Beispiel Brandschutzvorgaben oft nur mit bestimmten Materialien wie Beton realisierbar, etwa bei Treppenhäusern in Gebäuden mit mehr als fünf oder sechs Stockwerken. Architekt:innen und Bauherr:innen gehen ein hohes Risiko ein, wenn sie hier von den Normen abweichen – rechtlich wie haftungstechnisch. Deshalb braucht es nicht nur nachhaltige Produkte, sondern auch passende gesetzliche Rahmenbedingungen, um das Bauen wirklich zukunftsfähig zu machen.

Wie beurteilen Sie den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese Ihrer Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?

Rolf Buschmann: Biobasierte Baustoffe gewinnen in Deutschland zunehmend an Bedeutung, insbesondere im Wohnungsbau. Sie bieten nicht nur ökologische Vorteile, sondern auch wirtschaftliche Potenziale, insbesondere bei Neubauten und Sanierungen.​

Biobasierte Materialien wie Stroh, Holz, Hanf und Zellulose zeichnen sich durch eine geringe Umweltbelastung aus. Sie sind klimafreundlich, gesundheitlich unbedenklich und können am Ende ihres Lebenszyklus wieder in natürliche Kreisläufe integriert werden. Ein Beispiel ist der Einsatz von Strohballenbau im Mehrfamilienhausbau, wie es von Uli Steinmeyer in Verden praktiziert wird. Solche Projekte zeigen, dass auch kostengünstiger Wohnungsbau mit nachhaltigen Materialien realisierbar ist.​ Trotz dieser Vorteile werden fossile Dämmstoffe oft bevorzugt, da sie in öffentlichen Ausschreibungen aufgrund niedrigerer Kosten bevorzugt werden. Dies führt zu einer Marktverzerrung, da die langfristigen ökologischen und sozialen Folgekosten nicht berücksichtigt werden. Ein Umdenken ist erforderlich, um die wahren Kosten von Baustoffen über ihren gesamten Lebenszyklus zu erfassen.

Zertifizierungssysteme wie das natureplus-Label spielen eine entscheidende Rolle bei der Förderung nachhaltiger Baustoffe. Das natureplus-Label berücksichtigt neben der Umweltverträglichkeit auch die Wohngesundheit und Ressourcenschonung. Produkte mit diesem Label erfüllen strenge Kriterien und werden in verschiedenen Gebäudezertifizierungssystemen wie DGNB, BREEAM und LEED anerkannt. Sie tragen zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen bei und ermöglichen den Zugang zu Fördermitteln. Durch die Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus von Materialien, die Förderung durch Zertifizierungssysteme und die Integration in Neubauprojekte kann ein bedeutender Beitrag zum Klimaschutz und zur Schaffung gesunder Wohnräume geleistet werden.​

Wo sehen Sie Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?

Rolf Buschmann: Ein zukunftsfähiges Bauwesen erfordert die konsequente Verbindung von zirkulären Prinzipien mit dem Einsatz biobasierter Materialien. Eine der größten Chancen liegt in der seriellen Sanierung bestehender Gebäude: Sie bewahrt wertvolle Bausubstanz, spart Ressourcen und ermöglicht durch modulare Elemente wie vorgefertigte Fassaden eine effiziente energetische Aufwertung. Diese Bauteile können zusätzlich Haustechnik oder Infrastruktur integrieren – ein Ansatz, der sowohl ökologisch als auch funktional überzeugt.

Da vollständige Zirkularität im Bau kaum erreichbar ist, wird die möglichst lange Nutzung bestehender Strukturen umso wichtiger. Die Kombination mit langlebigen, wohngesunden und möglichst biobasierten Materialien schafft echten Mehrwert. Hier setzt natureplus an: Als unabhängige Zertifizierungsplattform arbeitet der Verein mit Herstellern, Umweltverbänden und Prüfstellen zusammen, um nachhaltige Produkte zu kennzeichnen – etwa Holz- oder Hanfbaustoffe mit geringer Energieintensität und guter Wiederverwendbarkeit.

Ein vielversprechender Weg ist die Zertifizierung ganzer modularer Bauteile, wie sie bereits von Unternehmen wie Baufritz für die Bestandssanierung entwickelt wurden. Darüber hinaus stärkt natureplus den Austausch zwischen Akteuren der Bauwirtschaft – z. B. durch die Konferenz »Rethink Building«. Gemeinsam mit europäischen Partner:innen treiben wir verbindliche Klimaziele und innovative Lösungen voran – für eine Transformation des Bauens, die ökologisch, zirkulär und sozial ist.

Ein Beispiel: In Dänemark haben über 400 Akteure aus Architektur, Industrie, Verwaltung und Zivilgesellschaft einen CO₂-Reduktionspfad für den Bausektor gemeinsam verabschiedet. Dieses Vorbild haben wir aufgegriffen und in Deutschland einen ähnlichen Appell gestartet – für verbindliche Klimaziele im Bauwesen. Ziel ist es, dass sich Unternehmen aktiv einbringen und ihren Beitrag zur Transformation leisten.

Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen sehen Sie als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?

Rolf Buschmann: Eine nachhaltige Entwicklung im Bausektor erfordert ganzheitliche Strategien, die bundesweit greifen, aber regionale Besonderheiten berücksichtigen. Die föderale Struktur Deutschlands erschwert einheitliche Regelungen – hier könnte Baden-Württemberg mit Best-Practice-Beispielen vorangehen und den Austausch fördern. Zentral ist die Harmonisierung des Baurechts, um nachhaltige Innovationen überregional nutzbar zu machen, ohne regionale Baukulturen zu gefährden.
Ein weiterer wichtiger Hebel ist der Fokus auf den Bestand: Statt immer neuen Wohnraum zu schaffen, sollten bestehende Gebäude ressourcenschonend saniert und besser genutzt werden. Serielle Sanierung mit vorgefertigten Modulen ermöglicht schnelle, kosteneffiziente und sozialverträgliche Lösungen – ideal, um CO₂ zu sparen, ohne Bewohner zu verdrängen.

Auch ökonomische Anreize sind entscheidend: Sekundärmaterialien müssen günstiger und attraktiver werden, wozu eine stärkere Bepreisung von Primärressourcen beitragen kann. Diese Strategie findet sich inzwischen auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wieder, muss aber noch konsequent umgesetzt werden.

Gleichzeitig braucht es regionale Baustoffkreisläufe, um Transportwege zu minimieren und lokale Wertschöpfung zu fördern – etwa durch Wiederverwendung rückgebauter Materialien vor Ort, zum Beispiel über Bauteilbörsen. Es macht keinen Sinn, recycelte Fenster aus Baden-Württemberg bis nach Hamburg zu transportieren. Solche regionalen Materialkreisläufe steigern nicht nur die Nachhaltigkeit, sondern auch die Wirtschaftlichkeit.

Naturbasierte regionale Baustoffe bieten großes Potenzial und sollten stärker gefördert werden. In Frankreich gibt es bereits viele öffentliche Projekte, bei denen mit Stroh, Holz und Lehm mehrgeschossige Schulen, Kindergärten oder sogar Krankenhäuser gebaut wurden – ein Vorbild auch für Deutschland. Zugleich müssen soziale Aspekte mitgedacht werden – nachhaltiges Bauen darf kein Luxus sein, sondern muss auch einkommensschwächeren Gruppen offenstehen. Baden-Württemberg kann hier strategisch vorangehen – indem es Best-Practice-Beispiele identifiziert und zum Austausch mit anderen Ländern beiträgt. Nachhaltiges Bauen braucht ganzheitliche Strategien – vom Umgang mit Bestandsgebäuden über regionale Wertschöpfung bis hin zu sozialer und globaler Gerechtigkeit. Die Weichen dafür müssen jetzt gestellt werden.

Call for action: Was ist Ihr Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?

Rolf Buschmann: Mein Wunsch ist, dass Akteurinnen im Bauwesen heute den Trampelpfad verlassen – wortwörtlich! Das bedeutet, weg von den etablierten und vorgedachten Lösungen, hin zu einem neuen Ansatz. Es geht darum, sich zurückzunehmen, den Blick zu schärfen und das zu hinterfragen, was einem in einem Projekt begegnet. Was finde ich vor Ort, welche Gegebenheiten gibt es und wie kann ich mit den vorhandenen Materialien und Ressourcen die beste Lösung finden? Ein Projekt sollte nicht nur ökologisch und klimafreundlich sein, sondern auch die Anforderungen an Kreislauffähigkeit erfüllen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der soziale Aspekt: Es geht darum, eine lebenswerte Umgebung zu schaffen, in der die Menschen gut leben können.

Die »dritte Haut«, also die Wohnung und das Umfeld, muss diesen sozialen Aspekt ebenfalls berücksichtigen. Das Ziel sollte sein, ökologischen und sozialen Gewinn zu erzielen und nicht nur rein ökonomische Ziele zu verfolgen. Natürlich darf auch der wirtschaftliche Erfolg nicht zu kurz kommen; das ist wichtig für das Leben in unserer Gesellschaft. Aber noch schöner ist es, wenn man zusätzlich einen ökologischen und sozialen Mehrwert schafft.

»Mein Call for Action lautet also: Verlasse den gewohnten Pfad und strebe nach einem Gewinn für alle – sowohl für den ökologischen, sozialen als auch ökonomischen Bereich.«
Rolf Buschmann

Mehr über die Zertifizierung des Vereins Natureplus e.V.

Bild: Jon Duschletta
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