Im Gespräch: Andy Keel über klimafreundliche Baustoffe und zukunftsfähiges Bauen
Andy Keel ist Gründer und Geschäftsführer von OPENLY, einem Unternehmen im Schweizer Rheintal, das biogene Materialien und CO₂-speichernde Technologien in den Bau bringt. Mit Beton aus Pflanzenkohle, Hanfbeton und modularen Holzbausystemen entwickelt er skalierbare Lösungen für eine klimapositive Bauweise. Im Gespräch mit Melissa Acker (Studio Sustainable Matter) spricht er über lokale Wertschöpfung, zirkuläre Systeme und die regulatorischen Hebel, die für eine echte Transformation notwendig sind. Das Interview entstand im Frühjahr 2025 im Zuge der Materialrecherche für die IBA’27 durch Biobased Creations.
Beschreibe deinen persönlichen Hintergrund bzw. Lebensweg – wie bist du in die Welt des nachhaltigen Bauens gekommen und was ist deine derzeitige Rolle bzw. Berufsbezeichnung?
Andy Keel: Mit einer erfolgreichen Karriere im Bankwesen als Ausgangspunkt habe ich mehrere Unternehmen gegründet. Darunter auch dade-design.com, das sich als Pionier in der Entwicklung fortschrittlicher High-End-Anwendungen von Beton etabliert hat. Mein Interesse am Bauwesen bestand schon immer, jedoch war mir von Anfang an bewusst, dass eine Transformation dringend notwendig ist, da die Branche etwa 30 Prozent der globalen CO2-Emissionen verursacht; rund acht Mal mehr als der gesamte Flugverkehr. Diese Überzeugung führte zur Gründung von OPENLY.systems im Jahr 2022 im Schweizer Rheintal. Als Gründer und Geschäftsführer von OPENLY setze ich mich konsequent dafür ein, den Bausektor durch innovative und nachhaltige Ansätze grundsätzlich zu verändern.
»Unser Anliegen ist die Entwicklung von Lösungen, die sowohl ökologisch verantwortungsbewusst als auch pragmatisch und skalierbar sind – der einzig nachhaltige Weg, um einen positiven Wandel in der Bauindustrie zu bewirken.«
Andy Keel
Was ist das primäre Ziel deines Unternehmens und was unterscheidet es von anderen Herstellern in der Branche?
Andy Keel: Das primäre Ziel von OPENLY ist es, die Bauwirtschaft neu zu konzipieren. Unsere Vision ist, Gewerbe- und Wohngebäude von Kohlenstoffemittenten zu Kohlenstoffsenken zu machen. Unser Schwerpunkt liegt auf der Verwendung innovativer und möglichst lokal bezogener Baumaterialien. Ein wesentlicher Aspekt ist die Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette, um effizientere Prozesse zu schaffen. Zudem setzen wir auf Materialneutralität: Wir wählen Materialien basierend auf ihrem Nutzen und ihrer Funktionalität, ohne uns auf bestimmte Materialien zu beschränken. Beton wird eingesetzt, wo es sinnvoll ist; ergänzt durch biogene Materialien wie Hanf, Holz oder Stroh.
Die momentan einzige signifikante Möglichkeit eine C-Senke in Beton zu integrieren ist Pflanzenkohle. Diese entsteht bei der thermochemischen Umwandlung (Pyrolyse) von holzigen Reststoffen – ein Prozess, bei dem unter Sauerstoffausschluss CO₂ dauerhaft in fester Form gespeichert wird. Es gibt eine Anzahl von Startups in diesem Bereich. Wir haben durch eigene Forschung und Entwicklung zusammen mit CarStorCon® eine industrielle Skalierung erreicht, die ab sofort in jedem Bauprojekt angewendet werden kann. CarStorCon® steht für Carbon Storage Concrete – das permanente Speichern von technischem Kohlenstoff in Betonanwendungen. Regionale Abfallströme und die Speicherung direkt im Produkt machen die Technologie zu einer lokalen Klimaschutztechnologie mit globaler Wirkung.
Darüber hinaus ermöglicht unsere maßgeschneiderte und patentierte Hanfbeton-Technologie (CANCRET) in Kombination mit Holzbau pro Quadratmeter Bruttogeschossfläche eine Einsparung um rund 250 Kilogramm CO2.
Ein herausragendes Beispiel ist das OPENLY Valley Widnau. Das Net-Zero-Mehrfamilienhaus und damit eines der größten Hanfhäuser in Europa, das zeigt, dass Gebäude aus biogenen Materialien nicht nur einen reduzierten CO2-Fußabdruck haben, sondern zertifizierbare C-Senken bilden. Letztere werden maßgeblich zur Erreichung der Klimaziele beitragen.
Das OPENLY Bausystem senkt die Bauemissionen um mehr als 50 Prozent und erreicht mit sechs Kilogramm CO2 Emission pro Quadratmeter die gesetzlichen Zielwerte von Dänemark vom Jahr 2029. OPENLY spielt in der gleichen globalen Liga wie Living Places in Kopenhagen von VELUX mit Effekt Architekten (Gewinner MIPIM Award 2024) sowie HORTUS von Herzog & de Meuron & Senn.
Derzeit befinden sich 44 Einheiten in der Ausführungsplanung und über 300 Einheiten in der Pipeline bei Projektenwickler:innen und Bauträger:innen.
Wo siehst du die größten Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungen in Bezug auf deine eigene Arbeit oder den Bereich, in dem du direkt tätig bist?
Andy Keel: Die Bauwirtschaft sieht sich großen Herausforderungen gegenüber, die für das Erreichen der Klimaziele entscheidend sind. Obwohl Interesse an unserem Bausystem besteht, sind institutionelle Bauherr:innen manchmal noch zögerlich; bedingt durch den starken Kostendruck. Allerdings gibt es mit der KfW-40-Förderung in Deutschland eine Art Gegensteuerung.
»Biogene Baustoffe liegen momentan im oberen Preissegment, wobei für die Emissionen konventioneller Materialien weiterhin die Allgemeinheit zahlt.«
Andy Keel
Biogene Baustoffe liegen momentan im oberen Preissegment, wobei für die Emissionen konventioneller Materialien weiterhin die Allgemeinheit zahlt. Zwar entwickeln sich die regulatorischen Vorgaben in der EU und der Schweiz, jedoch ist ein verbindliches CO2-Obergrenzen-System, wie in Dänemark notwendig, um die nachhaltige Transformation entscheidend voranzutreiben.
Wie beurteilst du den Einsatz biobasierter Baustoffe derzeit auf dem deutschen Markt und wie können diese deiner Meinung nach im derzeitigen Bauwesen am wirkungsvollsten integriert werden?
Andy Keel: Der Einsatz biobasierter Baustoffe gewinnt auf dem deutschen Markt an Bedeutung, parallel zum steigenden Umweltbewusstsein. Diese Materialien bieten wesentliche Vorteile, insbesondere durch CO2-Reduktion und Förderung der Kreislaufwirtschaft. Um ihre Integration zu optimieren, müssen biobasierte Baustoffe frühzeitig in der Planung berücksichtigt werden. Architekt:innen und Bauunternehmen sollten umfassend über deren Potenziale informiert werden. Staatliche Anreize sind notwendig, gemeinsam mit angepassten Normen und Standards, um ihre Anwendung zu erleichtern. Schulungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten, wie sie im OPENLY Lab angeboten werden, können das Wissen in der Branche erweitern und die Akzeptanz fördern.
Wo siehst du Möglichkeiten, zirkuläre Methoden wie Modularität, Rückbaubarkeit, Wiederverwendung und Recycling mit naturbasierten Produkten oder Anwendungen zu kombinieren?
Andy Keel: Das OPENLY Bausystem ermöglicht es, zirkuläre Methoden mit naturbasierten Produkten zu verbinden:
- Modularität und Rückbaubarkeit: Ein modulares Design erlaubt es, Bauelemente bei Bedarf anzupassen, ohne ein neues Gebäude errichten zu müssen. Die Rückbaubarkeit ermöglicht die schadensfreie Demontage und Wiederverwendung von Modulen.
- Wiederverwendung und Recycling: Baukomponenten werden durch geschraubte oder gesteckte Verbindungen realisiert, was eine einfache Demontage und Wiederverwendung ohne Beschädigung ermöglicht. Komponenten, die nicht wiederverwendet werden können, lassen sich effizient recyceln.
Welche Strategie oder welche spezifischen Lösungen siehst du als entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung der Region Baden-Württemberg oder allgemein in Deutschland an?
Andy Keel: Mit einer Holzbauquote von 33 Prozent führt Baden-Württemberg die Holzbauweise an, während der bundesweite Durchschnitt bei 21 Prozent liegt. Um diesen Trend fortzusetzen, sind erweiterte staatliche Subventionen und Förderprogramme notwendig. Finanzielle Anreize, Steuervergünstigungen und Investitionen in Forschung können den Einsatz von Holz und biogenen Baustoffen fördern. Flexiblere Bauvorschriften, gemeinsam mit starker Sensibilisierung, können bürokratische Hürden abbauen und innovative Bauprojekte unterstützen. Angesichts steigender Energiekosten und klimatischer Herausforderungen sollten Solarpaneelen auf 95 Prozent der Neubau-Dachflächen installiert werden. Steuerliche Anreize und verbindliche Vorgaben zur Wiederverwendung und zum Recycling in Bauprojekten fördern den Einsatz umweltfreundlicher Technologien. Sie verringern den Druck auf Ressourcen, wodurch eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft gestärkt wird.
Call for action: Was ist dein Wunsch, was sollten die Akteur:innen im Bauwesen heute tun, um ihre Projekte mit natürlichen und kreislauffähigen Baustoffen zu realisieren?
Andy Keel: Wir freuen uns, unser Fachwissen über biogene Bausysteme zu teilen. Aus diesem Grund haben wir das OPENLY Lab ins Leben gerufen. Das Lab bietet Workshops an, um unser Know-how weiterzugeben und eine Plattform für Innovation sowie Fortschritt zu schaffen. Nicht jede:r Bauherr:in und nicht jedes Architekturbüro muss alles neu erfinden. Wir laden alle Interessierten herzlich ein, uns in Widnau zu besuchen und gemeinsam an nachhaltigen Lösungen zu arbeiten.
Darüber hinaus haben wir mit milton.earth eine Marke etabliert, die sich auf den Handel von CO2-Zertifikaten spezialisiert hat. Wir sind stolz darauf, als erste Anbieter den speziell für die Immobilienbranche entwickelten Global Construction C-Sink Standard in Form von handelbaren CO2-Zertifikaten anbieten zu können. Wir wollen Unternehmen lokale C-Senken von hoher Qualität anbieten, um sie in ihrer Klimastrategie zu unterstützen.
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